Michael Fuhr und seine „Schachbibel“: Da der Potsdamer in Spitzenzeiten bis zu 60 Partien gleichzeitig bestreitet, muss er alle laufenden Partien in dem Buch festhalten. Auf den gelochten, mit Schachbrettern bedruckten Seiten steckt er die Figuren um, bis die Partien beendet sind. Das kann allerdings dauern, denn der 49-Jährige spielt nach dem Prinzip „pro Zug eine Postkarte“. Foto: dpa
Von Anja Sokolow

Pro Zug eine Postkarte

Der Potsdamer Michael Fuhr spielt Fernschach – mit einem Russen kann ein Spiel vier Jahre dauern (10.10.09)

Der Briefkasten von Michael Fuhr ist nicht nur zu Weihnachten gut mit Karten gefüllt. Der 49-Jährige spielt seit Jahren Fernschach, und zwar auf die traditionelle Weise nach dem Prinzip „pro Zug eine Postkarte“. Mit Gegnern aus aller Welt bestreitet der Potsdamer in Spitzenzeiten 60 Partien gleichzeitig. Bei 30 bis 40 Karten je Partie ist der Briefkasten schnell voll.

Angefangen hat Fuhr mit dem Denksport schon als 13-Jähriger und mit Nahschach am Brett. Doch Kinder und Beruf ließen in den vergangenen Jahren immer weniger Zeit für lange Schachabende im Verein. Ein Kollege brachte den Inhaber eines Inkassobüros schließlich auf die Idee, den Gegnern die Züge per Postkarte zu übermitteln. Inzwischen ist Fuhr in die deutsche Oberliga aufgestiegen und gehört zu den erfolgreichsten Spielern des Fernschachbundes Brandenburg. „Man kann sich Zeit lassen oder auch sofort antworten“, beschreibt er einen der Vorzüge des Postkartenschachs. Er könne sich jetzt viel intensiver mit Partien beschäftigen und Literatur zurate ziehen. Um den Überblick zu behalten, hält Fuhr alle laufenden Partien in einem Buch fest. Er nennt es „Schachbibel“. Auf den gelochten, mit Schachbrettern bedruckten Seiten steckt er die Figuren um, bis die Partien beendet sind. Das kann allerdings dauern. „Wenn Sie mit einem Russen spielen, braucht eine Postkarte sechs Wochen. So ein Spiel kann sich dann schon über vier Jahre hinziehen“, sagt Fuhr.

Dennoch dürfen die Spieler nicht zu lange überlegen. Bei Turnieren etwa seien die Fristen für Antworten jeweils auf einige Tage festgelegt, erläutert Fuhr. Damit das Spiel am Ende genau nachvollzogen werden kann, gibt es standardisierte Postkarten. Auf ihnen werden etwa der letzte Zug des Gegners, der eigene Antwortzug, Poststempeldaten, Bedenk- und selbst Urlaubszeiten eingetragen. „Die Partie eröffne ich jeweils mit einer schönen Ansichtskarte aus Potsdam und ein paar persönlichen Sätzen“, erzählt Fuhr. Manchmal ergäben sich interessante Gespräche mit den Gegnern, zu denen Bankdirektoren, Ärzte, Mechaniker und Rentner gehörten. „Ein weiterer Nebeneffekt sind die vielen schönen Briefmarken aus aller Welt.“

Zusätzlich spielt Fuhr per E-Mail oder auf einem Schachserver im Internet. Auch auf das klassische Brett verzichtet der Deutsche Vize-Amateurmeister nicht ganz. Postkartenspieler wie er werden aber nach Ansicht des Präsidenten des Deutschen Fernschachbundes, Fritz Baumbach, zunehmend zu Exoten. Von den rund 1500 aktiven Mitgliedern spielen seiner Schätzung nach etwa 30 bis 40 Prozent per Postkarte.

„Die nachwachsende Generation wird das Postspiel jedoch verdrängen“, glaubt der 74-jährige Berliner. „Die Jugend ist zu ungeduldig.“ Baumbach gehört zu den Geduldigen, was er als DDR-Nationalspieler bei der 1988 begonnenen Schacholympiade bewies. Die Siegerehrung für das jahrelange Turnier fand erst 1995 statt. Die Länder der Sieger und Drittplatzierten – Sowjetunion und DDR – existierten da schon gar nicht mehr.

Ein weiterer Grund, auf E-Mails umzusteigen, seien die Kosten, erklärt der Sprecher des Fernschachbundes Brandenburg, Uwe Drößler. Nach der Wende hätten sich deshalb viele Spieler zurückgezogen. Noch etwa 20 bis 30 beteiligten sich regelmäßig an Verbandsturnieren – Tendenz rückläufig. Das nächste Turnier startet am 19. Oktober und endet im Dezember 2010. Anmelden können sich Interessenten per E-Mail und natürlich auch per Postkarte.

Weiteres im Internet:

www.bdf-fernschachbund.de